Interview mit Paul Sachse

»Wir sind heute so zerrissen zwischen Natur und Zivilisation«

Paul Sachse über das neue »Kalte Herz«

Paul Sachse

im Gespräch mit Ulrich Maximilian Schumann

 

Ulrich Maximilian Schumann: Wilhelm Hauffs »Kaltes Herz« kennt man als Klassiker im Märchenschatz der deutschen Sprache, man kennt es auch aus Filmen, von dem historischen Schwarzweißfilm der 50er Jahre oder mehreren neuen Verfilmungen. Als Künstler- oder Bilderbuch kannte man es bislang noch nicht. Was hat Sie dazu veranlasst, das Projekt anzufangen?

Paul Sachse: Weit weg vom Schwarzwald, in Hamburg, wo ich vier Jahrzehnte lang lebte, hat es mich doch immer wieder hier herunter gezogen. Meiner Eltern wegen und da war auch immer so ein wenig Heimweh. Als mein Sohn geboren wurde, befasste ich mich verstärkt mit Bilderbüchern. Ich erinnerte mich an diese Geschichte, und dachte, das wäre etwas für ein Bilderbuch. Nach einer Wanderung durchs Murgtal, fing ich, zurück in Hamburg an, es zu illustrieren. Aus vielerlei Gründen ließ ich es aber wieder fallen, und es lag fast zwanzig Jahre bei mir in der Schublade.

Das heißt, diese Geschichte war immer im Kopf?

Ja, ich hatte immer im Kopf, das Kalte Herz einmal zu illustrieren.

Und was war es, das die Geschichte im Kopf festhielt – die Figuren, die Sprache, der Inhalt oder die Stimmung, die sie vermittelt?

Es waren zwei Dinge. Einmal dieses Gespenstische, Dämonische, etwas Unheimliche im Schwarzwald. Wenn man durch den Wald geht, und überall knistert, knackt , pfeift und summt es, aber man sieht nichts. Die Tiere verstecken sich, aber du weißt sie sind da. Das hat mich immer fasziniert.
Es ist grundlegend anders, als am Nordseestrand längs und durchs Watt zu gehen. Dort ist alles klar, wenn nicht gerade Nebel aufzieht, man kann bis zum Horizont schauen, und es fällt dort schwer, sich Dämonen vorzustellen. Im Wald sind sie sofort da.
Das Andere ist der Nachhaltigkeitsgedanke, den ich in der Geschichte spürte. Wilhelm Hauff schrieb gegen den Raubbau am Wald zu einer Zeit, als der Eingriff in die Natur noch lächerlich im Vergleich zu heute war. Und dazu die Frage von Recht und Gerechtigkeit. All das ist so unübersehbar in dieser Geschichte verankert, dass sie vollkommen in unsere Zeit passt. Nach meiner Überzeugung würde Hauff die Geschichte heute vielleicht etwas anders, aber mit den gleichen Grundgedanken erzählen.

Hat denn auch die Person Wilhelm Hauffs eine Rolle gespielt?

Mit ihm habe ich mich erst später befasst. Dann war ich verblüfft, wie jemand in so jungen Jahren so tief in menschliche Verhaltensweisen eindringen konnte, um sie widerzuspiegeln. Dabei überlegte ich mir, was ich denn in diesem Alter geleistet habe, und war wirklich tief beeindruckt von seinem Werk.

Hat es sich erst allmählich herauskristallisiert, wie die Szenen und die Figuren aussehen sollten, die illustriert werden, oder war es gleich da?

Schon beim ersten Ansatz stand fest, die Geschichte im Murgtal anzusiedeln. So steht in Gernsbach noch das prächtige Haus, das sich der Holzhändler Kast bauen ließ; Menschen dieses Schlags, die unermesslich reich geworden waren, muss Hauff ebenso erlebt haben, um diese Geschichte zu schreiben, wie die Tagelöhner, die noch nicht einmal richtig satt wurden. Auch dieses Problem, die ungleiche Verteilung von Reichtum, ist aktuell geblieben.
Wichtig war es mir von Anfang an auch, die Handwerksberufe, die Hauff erwähnt, vorzustellen, weil es diese im Murgtal tatsächlich gab. In Gaggenau wurde Glas hergestellt, und auf der Murg wurde das Holz heruntergeflößt. Oft habe ich mich an das Ufer gesetzt und gefragt: Wie machten die das in diesem steinigen Flussbett bloß? Sie hatten eben ihre besonderen Techniken. So haben sie zum Beispiel mit vielen Staustufen eine Art Wassertreppe konstruiert.

Wie schwer ist es heute, im Schwarzwald und konkret im Murgtal noch Motive zu finden, die in die Zeit der Handlung zurückführen und die man als Vorlagen verwenden kann?

Geht man zu Fuß durchs Murgtal, entdeckt man immer wieder Rudimente aus vergangener Zeit. Auf dem Schlussbild blickt die Familie auf einen Teil von Weisenbach, steht aber neben einem Haus aus Forbach; ich habe beides zusammengesetzt.

Es ist also sozusagen ein Vogtsbauernhof im Buchformat, ein Freilichtmuseum.

Es ist natürlich gut, wenn die Häuser wie im Vogtsbauernhof bewahrt werden, aber noch besser scheint es mir, wenn die alten Dinge vor Ort bleiben. Wenn sie ‚störend’ in dieser Moderne herumstehen. Wenn drum herum alles zerstört wird, dann stehen sie da und sagen: »Mein lieber Freund, schau Dich um hier. So wie ich aussehe, so hat es hier einmal ausgesehen, und dann schau Dir den Rest an.«

Dann ist es wie mit dem Wald. Er steht da und besitzt noch eine starke Ausstrahlung, aber hat sich verändert, und sein Umfeld hat sich verändert. Also enthält das Buch auch ein nostalgisches Argument: So sah es aus, und so sollte es eigentlich hier aussehen?

Ja, es soll auch ein wenig Sehnsucht wecken. In jener Zeit gab es natürlich, und das beschreibt Hauff ja auch, furchtbare Ungerechtigkeit, es gab Neid und Hass, Mord und Totschlag. Man kann nicht sagen, es wäre eine heile Welt gewesen. Aber man lebte doch noch dichter an der Natur. Wir sind heute so zerrissen zwischen Natur und Zivilisation, so weit weg von unserem Ursprung.

Denn das Märchen spielt in einer vorindustriellen Welt, und in der Zeit vor Karl Marx, der die Entfremdung des Menschen von seiner Welt beschrieben hat. Das Kalte Herz handelt vom unmittelbaren Arbeiten mit der Natur, dem Produzieren vor Ort – vor allem von Kohle und Glas. Gerade in Regionen wie dem Schwarzwald sehnt man ein regionales Denken und regionales Arbeiten herbei. Demnach ist die Aussage nicht einfach nostalgisch, sondern etwas, was viele Menschen heute empfinden: Wie stark diese Landschaft verletzt ist und dass man doch auch wieder heilend eingreifen muss.

Ich bin begeistert vom Handwerk, von jedem Handwerk. Das Herstellen von Dingen aus Naturmaterialien hat mich immer fasziniert. Ich habe als ersten Beruf Dekorateur gelernt, ein Beruf, der die Grundbegriffe aller handwerklichen Tätigkeiten verbindet. Man ist ein bisschen Schreiner, ein bisschen Maler, ein bisschen Polsterer. Dabei habe ich meine Leidenschaft für handwerkliche Berufe entdeckt. Bei der Überlegung, welche Szenen ich umsetzen will, war von Anfang an für mich wichtig, die einzelnen Handwerksberufe, die in dieser Geschichte erwähnt werden, vorzustellen. Und wenn ich Handwerksmärkte besuche, fasziniert es mich, dass es immer noch Menschen gibt, die ursprüngliches Handwerk beherrschen – weit weg von der Massenproduktion. Ich finde, dass es im Schwarzwald wieder stärker belebt werden sollte. Auch werden die Leute wohl nicht mehr ohne weiteres massenweise in die Türkei oder anderswohin fliegen. Aber Urlaub wollen sie machen. Also entdecken sie ihre nähere Umgebung wieder. Und hier im Schwarzwald gibt es wirklich wunderschöne Flecken, an denen man sich niederlassen kann. Es lohnt sich zum Beispiel, zu Fuß das Murgtal entlang zu gehen und zu schauen, ob man das eine oder andere Motiv aus dem Buch wiederfindet.

Nun lässt sich das Buch nicht nur anschauen, sondern auch anhören, denn es beinhaltet ein Hörbuch mit dem Text, gelesen von Berth Wesselmann vom Baden-Badener Theater und umrahmt von Musikstücken aus dem Zeitalter der Romantik, die Boris Feiner eingespielt hat. Was stand hinter der Entscheidung, den Text nicht nur zu illustrieren, sondern zugleich vorlesen zu lassen und mit Musik zu verbinden?

In meiner Kindheit besaß ich von Polidor und Telefunken Schallplatten von Märchen wie Kalif Storch oder Zwerg Nase, und wenn ich meine Schularbeiten gemacht hatte, lag ich im Wohnzimmer auf dem Fußboden und hörte Stunde um Stunde diese Märchenplatten an. Manche Texte konnte ich schon mitsprechen. Das war faszinierend, und deshalb fand ich die Idee eines Hörbuchs schon immer interessant.
Und als ich Herrn Wesselmann mehrmals in Baden-Baden Theater spielen sah, war ich auch von seiner Stimme begeistert. Also rief ich ihn einfach an und dachte, wahrscheinlich wird er ablehnen. Aber er hat tatsächlich zugesagt und las die Geschichte ein, und es ist einfach wunderschön zuzuhören.

Man spürt in der Lesung auch noch stärker, wie modern diese Sprache ist, wie leicht verständlich, poetisch und klar sie ist.

Ja, obwohl wir den Originaltext herausgesucht haben. Der Text wurde nicht modernisiert, sondern er ist so, wie ihn Hauff niedergeschrieben hat. Es ist wirklich eine ausgesprochen moderne Sprache. Dagegen hatte ich mit der Musik der Romantik eher Probleme. Bei Schubert, Schumann und so weiter musste ich mich immer sehr überwinden.

Demnach hat sich das durch die Einspielung geändert?

Dann hörte ich Boris Feiner Musik aus der Romantik spielen, und weil ich so intensiv auf der Suche nach Ein- und Überleitungen war, die der Geschichte folgend mal aufregend oder verträumt sein sollten, habe ich diese Stücke für mich entdeckt, die ich mir vorher nie angehört hätte. Jetzt bin ich begeistert von dieser Musik und kann sie wirklich genießen.

Damit ist das Buch eine Art Gesamtkunstwerk geworden, eine Einheit aus Text, Bildern und Musik. Außerdem ein Buch nicht nur für Kinder oder nur für Erwachsene, so wie Hauff seine Geschichte schon für beide geschrieben hatte.

Ich stelle mir vor, wie ein Vater, eine Mutter oder beide im Herbst, im Winter abends mit ihren Kindern zusammen sitzen und das Buch lesen, oder es sich von Herrn Wesselmann vorlesen lassen. Die Geschichte ist ebenso interessant und spannend und schön und lehrreich für Erwachsene wie für Kinder. Deshalb hoffe ich, dass der Funke zwischen den Generationen überspringt.

 

Das Kalte Herz